Warum es im Gesundheitswesen wohl wirklich einen Fachkräftemangel gibt…

Ist das Schiff schon abgefahren

Im Gesundheitswesen, vor allem bei Pflegefachpersonen und Ärzten, gibt es wirklich den viel zitierten Fachkräftemangel. So gesehen und gehört in der ARD-Reportage “Der Arbeitsmarktreport – das Märchen vom Fachkräftemangel” vom vergangenen Montag.

Der eigentliche Handlungstrang der interessanten Reportage drehte sich um den kolportierten Mangel in technischen Berufen und vor allem bei Ingenieuren. Ein Vorwurf in der Sendung lautete, dass die Unternehmer und Lobby-Verbände bewusst ein Überangebot an Fachkräften provozieren, um das Lohnniveau zu senken. Statistiken werden frisiert und so interpretiert, damit es unumgänglich ist, ausländische Fachkräfte natürlich für geringeren Lohn nach Deutschland zu holen.

Gute, durchaus kritische Zusammenfassungen der kompletten Sendung aus unterschiedlichen Perspektiven finden sich bei Gerhard Kenk von Crosswater Job Guide und auf dem Blog von Svenja Hofert. Auch der Tagesspiegel hat eine kurze Rezension geschrieben.

Gutsherrenmanier im Gesundheitswesen

Zurück zum Gesundheitswesen. Beispielhaft gab es einen Bericht über einen griechischen Arzt, der in Künzelsau, nach rund 10-jähriger Erfahrung als Facharzt in Griechenland, “netterweise” als Assistent eine Anstellung gefunden hat. Und wie es der Chefarzt in bekannter Gutsherrenmanier ausdrückte, wird er dem deutschen Standard fast gerecht. Im Interview mit dem griechischen Chirurgen wird deutlich, dass er in seiner Heimat Arbeit genug hätte und eine eigene Praxis eröffnen könnte, aber leider kann es sich dort niemand leisten ihn zu bezahlen. Das griechische Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps, aber wir nehmen Griechenland gerne die Arbeitslosen ab, damit unsere Zukunft sicher ist. Bei aller Arbeitnehmer-Freizügigkeit innerhalb der EU, sind die ethischen Implikationen des “Care Drain” nicht von der Hand zu weisen. Wobei momentan Ärzte und Pflegekräfte in Deutschland aufgrund der aktuellen Situation häufig die Flucht ins europäische Ausland suchen. Dazu weiter unten aber noch mehr. Als Ursache für den Ärztemangel diagnostizierte Prof. Dr. Gerd Bosbach übrigens vor allem den hohen Numerus Clausus, der tausende Menschen daran hindert Medizin zu studieren. Weitere Details zu Hintergründen oder Beispiele aus der Pflege kamen in der Reportage nicht vor.

Bemerkenswert waren allerdings zwei Zitate, die eher beiläufig am Anfang und am Ende der Sendung fielen.

Deutschland als rote Mangelzone: In den Pflegeberufen, weil die Arbeitsbedingungen schlecht und die Löhne gering sind. Auch Ärzte hat Deutschland wirklich zu wenig.
Wo wirklich Mangel herrscht, bei Ärzten und Pflegern, da will die Politik nicht ran
Die aktuelle Lage in den Krankenhäusern

Aktuelle Ergebnisse in der Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit vom Juni 2014 bestätigen den statistischen Mangel in der Gesundheits- und Krankenpflege und Altenpflege.

Fachkräftemangel in Gesundheits- und Pflegeberufen

Quelle: Arbeitsmarktberichterstattung der Agentur für Arbeit, http://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Fachkraeftebedarf-Stellen/Fachkraefte/BA-FK-Engpassanalyse-2014-06.pdf

Dazu kommen die bereits häufiger diskutierten Prognosen des Statistischen Bundesamts und von PriceWaterhouseCoopers (PwC) und WiFOR, die für die Zukunft einen eklatanten Mangel in der pflegerischen Versorgung vorhersagen. Als Hauptursachen für den Engpass werden vor allem die stete Zunahme des Pflegebedarfs in der Bevölkerung und der gleichzeitige Rückgang an insgesamt zur Verfügung stehenden Erwerbspersonen genannt. Eine Lösungsmöglichkeit sieht PwC im Abbau der Teilzeitquoten, womit ich zur aktuellen Lage komme. Vornehmlich betrachte ich dabei die Gesundheits- und Krankenpflege in Krankenhäusern. Hier und da gibt es natürlich Überschneidungen mit der ambulanten und stationären Pflege. Auch in der öffentlichen Diskussion fehlt manchmal die Trennschärfe.

Der Exodus der Pflegeberufe im Krankenhaus begann Mitte der 1990er Jahre mit einem erheblichen Abbau der Stellen in den Krankenhäusern. Zwischen 1996 und 2008 sind, laut Pflegethermometer 2009, rund 50.000 Stellen in der Krankenhauspflege weggefallen. Demgegenüber stehen eine kontinuierliche Erhöhung der Patientenzahlen und eine Verkürzung der Aufenthaltsdauer. Das Pflegesonderprogramm 2008 zum stufenweisen Aufbau von Pflegekräften im Krankenhaus hat den Abwärtstrend gestoppt und zu einem Aufbau von rund 10.000 neuen Stellen an deutschen Krankenhäusern geführt. Ebenso berichtet ganz aktuell das Statistische Bundesamt für 2012 das insgesamt 58.300 Jugendliche 2012 eine Ausbildung in einem Pflegeberuf begonnen haben, immerhin eine Steigerung von 4.100 gegenüber 2010. Demgegenüber steht jedoch die “Flucht” der Pflegefachpersonen:

  • in den Burn-out und dauerhafte Krankheit,
  • in die Teilzeit,
  • in andere Berufe und Branchen,
  • ins Studium und weg vom Bett,
  • ganz aus dem Beruf heraus,
  • ins Ausland, wo sie häufig bessere Bedingungen vorfinden,
  • oder in die innere Kündigung und totale Frustration, usw.

Alles in allem eine bedrohliche Situation, die zeigt das die Schraube sicherlich ans Ende gedreht ist. Studien, vor allem aus den USA, bechreiben einen Zusammenhang von Personalausstattung und Behandlungsergebnissen. Immer wieder auftauchende Berichte beispielsweise über Hygienemängel aufgrund von Personalmangel bestätigen die Symptome.

Berufspolitik ist noch schwierig

Ich bin kein Freund der Jammerkultur, die sich auch in den Pflegeberufen gerne breit macht. Der Ruf nach Wertschätzung von wem auch immer, nach mehr Geld und die selbstverständliche Opferbereitschaft und -rolle ist häufig auch reflexhaft und tradiert. Trotzdem kann ich eine gewisse Ausweglosigkeit, Frustration und Verzweifelung vieler KollegInnen verstehen. Was ich manchmal auf Twitter lese oder per Direktnachricht geschickt bekomme, lässt mich ohne Argumente zurück.

Klar ist für mich, dass die politischen Entscheidungsträger handeln bzw. zum Handeln gezwungen werden müssen. Initiativen wie Pflege am Boden (sehe ich trotzdem teilweise kritisch), diverse Petitionen (Mindestpflegepersonalbesetzung in deutschen Krankenhäusern) und Aktivitäten der Pflegeverbände (“Ich will Pflege“) auf unterschiedlichen Ebenen sind ein guter Ansatz, um Einfluss auf die politische Willensbildung zu nehmen. Nichtsdestotrotz fehlt der Pflege ein einheitliches Vertretungsorgan wie es die Pflegekammer sein kann. Nach wie vor nehmen zu viele Interenssensvertreter mit unterschiedlichen Zielrichtungen Einfluss auf die Geschicke. Häufiger geschieht dies auch in Gremien ohne Beteiligung der beruflichen Pflege.

Weitere Punkte, die aus meiner Sicht vorangetrieben werden müssen:

  • Ausbau einer grundständigen, akademischen Pflegeausbildung, auch in Angleichung an die europäischen Nachbarn, vorstellbar sind kooperative Studiengänge an medizinischen Fakultäten (nicht vom Bett weg, sondern als Verbindung zwischen Pflegewissenschaft und Patientenversorgung und für spezialisierte, patientenorientierte Versorgungskonzepte)
  • Anpassung der Vergütungsstrukturen (Neuverteilung ⇒ heißes Eisen, höhere Beiträge ⇒ noch heißeres Eisen, aber: nicht überall wird so schlecht bezahlt, wie es reflexhaft immer sofort gesagt wird)
  • valide Personalbemessungsinstrumente entwickeln und dann auch anwenden (bin hier noch unentschlossen, ob dies einheitlich möglich ist)
  • Neuverteilung der Aufgaben, dabei nicht nur Delegation unter Arztvorbehalt, sondern Übernahme von Verantwortung bei entsprechender Qualifikation (hängt eng mit der Akademisierung zusammen)
Ran ans Image

In der „European Trusted Brands“ Studie des Reader‘s Digest genießen Krankenschwestern einen hohen Stellenwert im Vertrauen der Bevölkerung. Nur den Feuerwehrleuten wird mehr vertraut. Gleichzeitig können sich aber immer weniger Schulabgänger vorstellen, den Pflegeberuf zu ergreifen. In einer Studie des Instituts für Public Health und Pflegeforschung Bremen (IPP) von 2009 wurden Jugendliche und deren Eltern unter anderem nach deren Einschätzung zu den Pflegeberufen befragt. Eines der zentralen Ergebnisse war, dass „Pflegeberufe … momentan sowohl für Schüler/innen als auch für deren Eltern ein eher negatives Image [haben]. Die Motivation zur Wahl eines Pflegeberufes ist derzeit äußerst gering ausgeprägt“.

Wie können wir diesem Trend entgegentreten? Burkhard Straßmann, Redakteur bei der “Die Zeit”, gibt in seinem Artikel “Schluss mit Schwester!” erste Hinweise was neben den oben skizzierten Punkten schief läuft. Angefangen mit den Begriffen Schwester, Schwesternzimmer usw. Eine im Text zitierte Gesundheits- und Krankenpflegerin findet die Ansprache als “Schwester” unprofessionell und das dies im Klinikalltag zu einer Pseudovertrautheit führt. Ganz in meinem Sinne. Ich halte Sprache für “mächtig”. Angefangen damit wie man über mich spricht und wie ich zum Beispiel mit Kollegen aus allen Bereichen kommuniziere.

Lifestyle bei der VBZ

Lifestyle bei der VBZ

Auch Kleidung spielt eine wichtige Rolle. Wir im Krankenhaus kennen alle die Bedeutung eines Arztkittels und welche Wirkung davon ausgeht. In diesem Zusammenhang finde ich die Lifestyle-Personalmarketing-Kampagne der Verkehrsbetriebe Zürich des frechmutigen Jörg Buckmann sehr gelungen. Die äußerst hochwertige Uniform einer Tramfahrerin wird wie in einem Lifestyle-Modemagazin besprochen ergänzt durch Radiospots von einem bekannten Styling-Experten. Können wir davon etwas lernen?

Es empfiehlt sich auch ein Blick nach Innen. Wie ist es denn mit der eigenen Wertschätzung und Anerkennung? Werden Kollegen mit akademischen Hintergrund akzeptiert oder sind das nur die Abgehobenen, die nichts mit uns zu tun haben wollen? Wollen Pflegenden wirklich Verantwortung übernehmen? Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Zitat: “Auch mit ‘nem Bachelor kann man Pfannen schieben.” Stimmt. Wenn dann noch die junge Assistenszärztin erst mal richtig “rund” gemacht wurde, dann ist das Tagewerk vollbracht. Natürlich sind nicht alle so. Ich kenne hochengagierte Kollegen, die in ihrem Fach absolute Experten sind und im therapeutischen Team gemeinsam für das Patientenwohl arbeiten. Gleichzeitg sind dies auch die Kollegen, die interessierten Schülern und potenziellen Bewerbern ein realistisches Bild des Pflegeberufs mit allen guten und schlechten Seiten vermitteln. Pflegemarkenbotschafter sozusagen.

Was Unternehmen tun können jenseits des Kostendrucks und der Zwänge im Gesundheitswesen wird an einer anderen Stelle weiter besprochen, da dieser Artikel schon jetzt viel zu lang ist. In diesem Zusammenhang möchte ich zu guter Letzt noch in eigener Sache auf den 3. Pflegemanagementkongress am 25. September in Köln mit dem Titel “Schluss mit Schwester! Der Pflegeberuf und sein Image” hinweisen. Referenten sind unter anderem der oben zitierte Burkhard Straßman, Franz Wagner vom DBfK, Prof. Bienstein aus Witten sowie Prof. Weidner aus Vallendar. Auf diesem Kongress wird ausführlich über das Image im Pflegeberuf diskutiert werden. Wie gelingt ein Imagewandel? Was ist dazu notwendig? Sehr spannend! Weiteres dazu auf Twitter auch unter #PflegeImage.

Gibt es überhaupt noch Chancen das Image des Pflegeberufs aufzupolieren? Ich freue mich über Eure Meinung in den Kommentaren!

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8 Kommentare

  • Sehr interessant! Danke fürs Aufdröseln.

    Ich bin vor ein paar Tagen auf ein Diskussionspapier gestoßen, dass in diesem Zusammenhang auch ganz interessant ist. Das Bundesinstitut für Berufsbildung hat einen Band zu den Ausbildungszahlen in den Gesundheitsfachberufen herausgegeben. http://www.bibb.de/veroeffentlichungen/de/publication/show/id/7369

    Darin wird festgestellt, dass das Interesse an den Gesundheitsfachberufen insgesamt zugenommen hat (verglichen wird der Zeitraum 2007/2008 mit dem Zeitraum 2011/2012), nämlich um 5,9 Prozent. Betrachtet werden 17 Berufe. Es gab in der Gesundheits- und Krankenpflege und der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege eine Zunahme der Ausbildungszahlen von 7,6 und 4,7 Prozent.

    Das hört sich erst mal beruhigend an. Aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit diesen Nachwuchszahlen nach Ansicht des Wissenschaftsrat lediglich diejenigen Fachkräfte ersetzt werden können, die aus dem Beruf ausscheiden. Der Mehrbedarf an Pflege und Therapie wird dadurch nicht annähernd bedient werden können.

    Ich finde die Ausführungen des Wissenschaftsrats ganz plausibel, das man sich jetzt darum kümmern müsste, Fachkräfte auszubilden, die an Struktur- und Prozessveränderungen mitarbeiten können, die nötig sind, um die Auswirkungen des Mangels zu begrenzen (Akademiker). Daran sollten alle Disziplinen beteiligt werden. Vor allem die patientennnahen Gesundheitsberufe.

    Hier auch noch der Link zu den Empfehlungen des Wissenschaftsrats, Lesenachschub für laue Sommerabende. 😉 http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2411-12.pdf

    • Hallo Silke,
      danke für die Rückmeldung. Auf die BiBB-Studie hatte schon jemand auf Google+ hingewiesen. Interessant und zusammen mit den Zahlen des Statistischen Bundesamts tatsächlich ein leichter Aufwärtstrend.

      Der Bericht des Wissenschaftsrats ist natürlich eine hervorragende Argumentationsgrundlage und schon länger wohl bekannt. 😉

      Viele Grüße

  • Hallo Dirk,

    ich bin mal gespannt, ob die Zahlen am Ende nicht noch kippen. Das passiert nämlich gerade bei den Ergo- und Physiotherapeuten. Es gibt immer weniger Fachschulen (wobei es vor Jahren auch einfach zu viele gab) und die Ausbildungszahlen gehen immer noch weiter zurück. Wieso genau, würde mich mal interessieren. So aus dem Bauch heraus würde ich ja sagen: Die Leute wollen für viel Leistung auch mehr Geld bekommen.

    VG Silke

  • Pingback: Laumanns neueste Erkenntnisse zur Pflege | Mein Tellerrand

  • Hallo Dirk,

    ja, die grundständigen Studiengänge sind noch rar. Aber die Frage ist ja auch, welche Perspektive die Akademiker haben. Eindeutige Karrierewege gibt es (noch) nicht. Und dann therapieren die Leute für das gleiche Geld wie nach einer Fachschulausbildung, was natürlich die Akademiker frustriert. Aber noch seltsamer ist, dass sie trotz Master nicht eigenständig therapieren dürfen. Das geht nur mit einer Heilpraktikerzulassung. Das Gesundheitssystem ist nicht immer in sich logisch.

    VG Silke

  • Pingback: Personaler - aber richtig! - Mein Tellerrand

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