Pflege auf Augenhöhe, aber mit wem?

Improvisationstheater Emscherblut

Der Bundesverband Pflegemanagement und die Konkret Consult Ruhr (KCR) veranstalteten am 3. Juni 2014 in Gelsenkirchen die Fachtagung „Pflege auf Augenhöhe – über neue Wege zum Imagewandel der Pflegeberufe“. Ziel der Veranstaltung war es, Erfolgsrezepte und Best Practice Beispiele zu präsentieren, die jenseits einer Jammerkultur die Diskussion anregen und Mut zur Veränderung machen sollten.

Roland Weigel, Geschäftsführer der KCR, traf mit seiner Aussage, dass Pflege nicht auf den Boden gehöre, direkt zu Beginn meine Zustimmung. So sehr ich das Engagement und vor allem die Mobilisationskraft der Akteure bei „Pflege am Boden“ schätze, vermittelt auch diese Aktion eher ein negatives Image des Pflegeberufs. Dies ist nicht mein Ansatz für eine Verbesserung der angespannten Lage. Allerdings sind viele Akteure in der Pflege, wie eine parallele Diskussion auf Twitter zeigte, schon deutlich frustrierter und verzweifelter.


Eine schöne Idee war es, die Veranstaltung mit dem Improvisationstheater Emscherblut zu starten. Die morgendliche Fußwäsche aktivierte die Lachmuskeln der Teilnehmer, die den Schauspielern immer wieder neue Stichworte (z. B. Ekel, Verzweiflung, Liebe) zur Umsetzung zuriefen. Prof. Dr. Josef Hilbert vom Institut für Arbeit und Technik stellte anschließend, im ersten Vortrag des Tages, mit Zahlen, Daten und Fakten sowie Überlegungen zur Zukunft die aktuellen Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen und in der Pflege dar.

Einige Quellen für die Zahlen und Fakten:

WSI-Lohnspiegel
Arbeitsreport Krankenhaus
Wandel von Medizin und Pflege im DRG-System (WAMP)
RN4CAST
Pflegethermometer

Auf Twitter sorgte vor allem der folgende Satz für deutlichen Widerspruch: „In der stationären Altenhilfe ist die Unzufriedenheit nicht so hoch wie in der Krankenhauspflege“. Hilbert räumte ein, dass die auf Befragungen beruhenden Ergebnisse unterschiedlichen individuellen Einflussfaktoren in den Institutionen zugrunde liegen könnten.

Die Tatsache, dass es keine Kostenexplosion im Gesundheitswesen gibt, untermauert durch aktuelle Zahlen der EU-Kommission, hob Hilbert besonders hervor. Auch wenn er selber zugab, den „Stein der Weisen“ noch nicht gefunden zu haben, stimme ich dem abschließenden Wunsch die Zukunft der Arbeit in der Gesundheit sozialverträglich, anders und produktiver zu gestalten, voll zu.

Meine Tweets zu den Vorträgen finden sich übrigens auf Twitter unter #ImagePflege

Maik Meid als Spezialist für Fundraising und Digitale Kommunikation gab als nächster Redner dem digital eher unerfahrenen Plenum Impulse zum Einsatz von neuen Medien und modernen Kommunikationsmethoden im Berufsfeld Pflege. Mit der Ankündigung „Jetzt kommen Pöbelattacken und provokante Thesen“ hatte er nicht zu viel versprochen.

Eine Auswahl:

  • Berater, die noch vom Web 2.0 sprechen –> rausschmeißen
  • Internet ist kein neues Medium
  • Viele Internetseiten im Gesundheitswesen sehen noch aus wie von 1997
  • Digital verändert alles


Erstaunlich fand ich es vor allem, dass fast niemand im Publikum ein Xing-Profil hatte, von allen anderen Netzwerken gar nicht zu sprechen. Kam mir schon etwas exotisch vor. Und da ich alle Fragen (LinkedIn, Facebook, etc.) von Meid positiv beantworten konnte, haben sicherlich einige gedacht: So ein Streber! 😉 Nicht falsch verstehen. Ein Xing-Profil ist kein „Must-Have“, aber für mich mittlerweile selbstverständlich. Habe mich dann auch direkt mit Maik Meid auf Xing vernetzt…

Nach der Mittagspause berichtete Ludger Risse, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands Pflegemanagement, sehr kurzweilig von seinen Erfahrungen aus 30 Jahren Pflege. Besonders imponiert hatte ihm als junger Mann, dass die Oberschwester die einzige war, die dem herrischen Chefarzt widersprochen hat.

Hier und an anderer Stelle fiel mir besonders auf, dass auf “Augenhöhe sein” in allen Beiträgen, die darauf Bezug nahmen, die Augenhöhe mit den Ärzten meinte. Warum ist das so? Weil die Mediziner die Geschicke bestimmen? Über unser Wohl und Wehe entscheiden? Ich verstehe noch nicht ganz, warum sich Pflege immer an den Ärzten abarbeitet. Wie ist es denn mit der eigenen Wertschätzung und Anerkennung? Werden Kollegen mit akademischen Hintergrund akzeptiert oder sind das nur die Abgehobenen, die nichts mit uns zu tun haben wollen? Hier gibt es noch viel zu diskutieren! Gerne auch in den Kommentaren.

Im nächsten Block stellten unterschiedliche Krankenhäuser und Institutionen Beispiele und Erfolgsgeschichten vor. Das Evangelische Krankenhaus Gelsenkirchen berichtete vom Fotoprojekt “Who cares? Gesichter der Pflegenden”. Die Pflegedirektorin des Lukaskrankenhauses Neuss zeigte ein Kalenderprojekt zum gelebten Pflegleitbild und die daraus entstandenen Pixie-Hefte für neue Beschäftigte.

Unter dem Motto „Persönlich. Ehrlich. Gut.“ machte die SMMP-Seniorenhilfe ihre Mitarbeiter zu Markenbotschaftern. Diese lernten unter anderem ihre erlebten Geschichten aufzuschreiben. Abschließend berichteten das St. Christophurus-Krankenhaus Werne und das St. Marien Hospital Lünen über ein Projekt zur interdisziplinären Zusammenarbeit und den Einsatz sowie die Kompetenz Pflegender in der Geriatrie als wichtigen Teil des therapeutischen Teams.

Serdar Yüksel

Serdar Yüksel

Bevor das Improviationstheater Emscherblut den letzten Part bestritt, kam mit Serdar Yüksel ein Politiker (MDL für die SPD in NRW) und Krankenpfleger zu Wort. Neben einer guten Zusammenfassung der aktuellen Lage und der bestehenden Herausforderungen, mit denen er das Publikum auf seine Seite zog, blieb besonders sein Aufruf „Die Pflegekammer muss kommen!“ hängen. Er untermauerte diese Aussage auch noch einmal mit dem Satz: „Sie können mich ruhig zitieren“.

Meine Erkenntnis. Es gibt viele gute Initiativen, Bestrebungen und auch Treiber, die die Pflege hervorragend repräsentieren. Den Organisationsgrad verbessern, das Selbstverständnis schärfen und sich neuen Strömungen öffnen, ohne jedem Trend blind hinterherzulaufen, sind wichtige Säulen beim Aufbau eines neuen (besseren) Images der Pflege.

Zum Schluss wurde folgendes noch laut ausgerufen:  

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5 Kommentare

  • Sehr schön ;-).
    Danke für die Zusammenfassung und viele Grüße,

    Maik Meid

  • Danke für die Blumen und den guten Input gestern! Hat mich direkt animiert, meinen ersten “richtigen” Blog-Beitrag zu schreiben. 😉

  • Sorry, aber solche Kommentare wie ‘Dgital ändert anders’ kommen meistens von Leuten die noch nie in der Pflege gearbeitet haben und auch in der digitalen Welt erst seit dem Social Media Hype aktiv im Netz sind und Begriffe wie Datenklo erstmal mal googeln müssen.

    • Hallo Tim,

      die Aussage von Maik “Digital ändert alles” bezog sich auf den Umbruch in der Kommunikation, der durch die digitalen Medien verursacht wird und sich durch alle Lebensbereiche zieht. Neues Wissen wird immer schneller generiert, Innovationen nehmen rasant zu, Lernen wird völlig neu definiert (z.B. Google Glass), etc. Dazu zitierte er aus einem Beitrag von Prof. Dr. Kruse in einer öffentlichen Sitzung zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Gesellschaft. Kruse sagte dort: “Diese Systeme werden eine solche Dynamik entfalten, dass wir uns es nicht leisten können, uns nicht zu verändern.” Video auf YouTube

      Sicherlich kann Maik dazu auch selber noch einmal Stellung nehmen.

      Grüße

      Dirk

  • Pingback: Warum es im Gesundheitswesen wohl wirklich einen Fachkräftemangel gibt... | Mein Tellerrand

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